Kühlhausbrand in Möglingen

Kühlhausbrand in Möglingen

11.03.1981

Auf sechzig bis siebzig Millionen Mark wird der Sachschaden geschätzt, der beim Großbrand im Möglinger Industriegebiet entstanden ist. Mehrere Lagerhallen, Kühlanlagen und die gesamte eingelagerte Tiefkühlkost wurden ein Raub der Flammen. Die Firmenleitung spricht von Totalschaden. Noch zwanzig Stunden nach Ausbruch des Feuers drangen aus dem brennenden Kühlhaus gewaltige Rauchwolken, die bis ins obere Bottwartal zu verfolgen waren. Autofahrer auf der Autobahn Stuttgart-Heilbronn wurden über Rundfunk aufgefordert, im Bereich Freiberg, Asperg, Möglingen Fenster und Lüftungsgebläse zu schließen. Bei der Bekämpfung des bisher größten Schadenfeuers im Kreis Ludwigsburg setzten Feuerwehr, Polizei und Rotes
Kreuz zeitweise über zweihundert Kräfte ein. Über die Brandursache vermochten Kriminalpolizei und Firmenleitung bis jetzt noch keine Angaben zu machen. Sachverständige wurden zur Ermittlung der Brandursache hinzugezogen.

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Das Feuer in einem Gebäudekomplex der Kühlhaus Möglingen KG Gromnitza GmbH wurde am Dienstagabend von Anliegern bemerkt, die über Notruf die Feuerwehreinsatzzentrale Ludwigsburg verständigten. Als wenige Minuten später die ersten beiden Fahrzeuge der Freiwilligen Feuerwehr Möglingen im Industriegebiet eintrafen, stand bereits das gesamte über fünfzig Meter lange Kühlhaus in Flammen. Bürgermeister Heinz Waibel forderte sofort Verstärkung an: Innerhalb einer halben Stunde waren 110 Feuerwehrleute aus Möglingen, Ludwigsburg und Kornwestheim im Einsatz. Im Laufe der Nacht wurden Spezialfahrzeuge aus Leonberg, Ditzingen, Marbach und später auch aus Stuttgart hinzugezogen.
Die Löschmannschaften unter der Gesamtleitung von Kreisbrandmeister Werner Trefz wurden sofort vor eine Fülle von Problemen. gestellt. Die Brandmauer zwischen dem Kühlhaus und den angrenzenden Lagerräumen verfehlte ihre feuerhemmende Wirkung. Vom heftigen Wind angefacht, schlugen die Flammen über die Dächer, drangen von oben in die angrenzenden Räume ein und entzündeten innerhalb weniger Minuten den gesamten über zehntausend Quadratmeter großen Lagerkomplex in dem mehrere tausend Tonnen hochwertiger Tiefkühlkost vom Brathähnchen über Fisch, Gemüse und Obst bis hin zu allen Speiseeissorten lagerten.
Der aus südwestlicher Richtung blasende Wind trieb die Feuerwand auf eine Umspannstation zu und auf eine jenseits der Straße liegende Spedition, die oberirdisch mehrere tausend Liter Dieselöl lagert. Direkt vor dem Kühlhaus, das in Flammen stand, liegt ein Reifenlager, das aus Sicherheitsgründen nicht mehr geräumt werden konnte. Nur sechs Meter abgerückt liegt eine weitere Spedition, in der die Firma Bosch Material lagert. Durch den massierten Einsatz von über dreißig großkalibrigen Löschrohren, mehreren Wasserwerfern und Wendestrahlrohren auf Drehleitern, die im ersten Angriff rund 20.000 Liter Löschwasser pro Minute verspritzen, konnte das Übergreifen der Feuerwand auf die Nachbarfirmen, die Umspannstation, ein Wohngebäude und ein Bürohaus verhindert werden.
Im Innern der Lagergebäude, die in den vergangenen zehn Jahren gebaut und jetzt erst in ihrer letzten Ausbauphase standen, war nichts mehr zu retten: Die dicken Kunststoffisolierungen der Kühlzellen und das Verpackungsmaterial der Lebensmittel boten den Flammen reiche Nahrung.
Durch die große Hitzeentwicklung schmolzen Fassadenverkleidungen und glühten Stahlkonstruktionen der Dächer und Wände aus. Nach zwei Stunden hatte die Feuerwehr den Brand zwar unter Kontrolle, aber die größte Gefahr war nicht besiegt: im Kühlsystem zirkulierten mehrere tausend Liter Ammoniak, von denen zunächst niemand voraussehen konnte, wie sich die Kühlmittel während des Großbrandes verhalten. Teile der Maschinenanlage befanden sich zwar in sogenannten feuersicheren Räumen, doch stundenlang halten auch dicke Betonmauern einer solcher Wärmeentwicklung nicht stand. Für den Fall, dass größere Mengen Ammoniak freigesetzt würden, hatten Polizei und DRK in Möglingen und Umgebung Evakuierungen vorgesehen. Am Mittwochnachmittag ergaben Messungen. dass im Rauch keine gefährlichen Stoffe enthalten sind. Feuerwehrleute hofften, dass das gefährliche Ammoniak inzwischen größtenteils durch das Feuer vernichtet worden ist.
Vergeblich versuchten Feuerwehrleute Tag und Nacht mit großem Wassereinsatz das Feuer im Kühlhaus einzudämmen, doch die Flammen fraßen sich bis zu den 1500 Tonnen eingelagerter Butter durch und lieferten dem Feuer schier unbegrenzten Nachschub. Mehrmals verschaffte sich die brodelnde Fettmasse explosionsartig Luft, wobei dem ausgebrannten Gebäude hohe Feuerstöße und gewaltige Rauchpilze entwichen. Unter der extremen Hitze wölbte sich eine Außenwand aus Beton und drohte auf das Reifenlager zu stürzen.
Am Mittwochvormittag änderte die Feuerwehr ihre Einsatztaktik: sie rückte der brennenden Buttermasse mit Schaumkanonen zu Leibe, um dem Brandherd die Sauerstoffzufuhr abzuschneiden. Doch dichte Rauchwolken und hohe Flammen signalisierten den Wehrmännern, dass auch dieser Löschangriff nicht den erhofften Erfolg brachte. Am Nachmittag forderte die Einsatzleitung aus Frankfurt spezielle Löschzusätze an, um dem Feuer Herr zu werden.
Bürgermeister Heinz Waibel trat Gerüchten entgegen, nach denen für den Großeinsatz nicht genug Löschwasser zur Verfügung gestanden habe. Nach Angaben von Waibel standen im neuen Wasserbehälter, der ständig nachgefüllt wurde über fünftausend Kubikmeter Löschwasser zur Verfügung. Das Einsatzgebiet selbst wird von einer Ringleitung mit mehreren Einspeisemöglichkeiten erschlossen Seiner Ansicht nach lag der beklagte Druckabfall nicht am Wassermangel, sondern an der Tatsache, dass von einer Minute auf die andere riesige Wassermengen dem Netz entnommen werden mussten, wodurch der Leitungsdruck absank. Die Feuerwehr ließ deshalb zusätzlich mit einem Tankzug Wasser heranschaffen und legte von Ludwigsburg aus eine weitere Leitung.
Großeinsatz gab es nicht nur für die Feuerwehren im Kreis Ludwigsburg. Die Polizei holte sich Verstärkung aus Stuttgart und setzte zur Verkehrsregelung und zur Absicherung des Brandgebietes teilweise über fünfzig Kräfte ein. Die Kriminalpolizei Kornwestheim, die die Ermittlung der Brandursache leitet, sucht Personen, die den Brandausbruch beobachtet haben.
Zur Versorgung der Einsatzkräfte rund um die Uhr alarmierte das Deutsche Rote Kreuz seine Bereitschaften in Möglingen und Marbach, Besigheim und Ludwigsburg, die rund 40 Helfer zum Einsatz schickten. Zur Unterstützung der Rettungsleitstelle setzte das DRK eine mobile Funkstation ein. Außer einer leichten Rauchvergiftung und einigen Hautabschürfungen gab es für die Sanitätskräfte nichts zu behandeln
Manfred Bornemann, Stuttgarter Zeitung

Bildnachweis:


Foto Nr. 1, 2, 3, 5, 6, 8: Feuerwehr Möglingen

Foto Nr. 7, 9, 10, 11, 12: Feuerwehr Ditzingen

Foto Nr. 4: Stuttgarter Zeitung